Bettlägerige Menschen aktivieren: Lebensqualität fördern trotz Immobilität

17.04.2024

11 Minuten Lesedauer

Bettlägerige Menschen aktivieren: Lebensqualität fördern trotz Immobilität

Eine Bettlägerigkeit kann aufgrund von Krankheit, Verletzung oder Altersbedingungen auftreten. Sie bringt nicht nur körperliche Einschränkungen mit sich, sondern kann auch das psychische Wohlbefinden negativ beeinflussen. Erfahren Sie mehr über mögliche Gründe für eine Bettlägerigkeit und wie durch gezielte Aktivierung die Lebensqualität bettlägeriger Menschen positiv beeinflusst werden kann.

Was bedeutet „bettlägerig“?

Wenn ein Mensch bettlägerig ist, bedeutet das, dass er nicht mehr im Stande ist, sich selbstständig aus dem Bett zu bewegen, auch dann nicht, wenn er es möchte. Bettlägerigkeit beschreibt in der Regel einen langfristigen Zustand. Im Gegensatz zu einer – z. B. ärztlich verordneten – Bettruhe. Hier kann der Patient spätestens nach erfolgter Genesung das Bett wieder verlassen. Bettlägerigkeit hingegen ist häufig der finale Zustand eines sich fortsetzenden Prozesses. Manchmal kann Bettlägerigkeit die Folge einer vorangehenden langen Bettruhe sein.

Ursachen für Bettlägerigkeit

Stürze

Häufige Ursachen für Bettlägerigkeit sind schwere Stürze (z. B. nach einem Oberschenkelhalsbruch) und deren Folgen. Wenn die Heilung nicht wie erhofft verläuft und der Bruch besonders kompliziert ist, kann das bei alten Menschen, deren Regenerationsfähigkeit schwächer ist, zu langen Bettruhephasen führen, die schließlich in einer dauerhaften Bettlägerigkeit enden können.

Physische Erkrankungen

Einige schwere körperliche Erkrankungen können eine (indirekte) Bettlägerigkeit zur Folge haben.

  • Nervenkrankheiten (z. B. Parkinson, Multiple Sklerose)
  • Atemwegserkrankungen (z. B. COPD)
  • Herzerkrankungen (z. B. Herzinsuffizienz)
  • Krebserkrankungen mit ausgeprägten Behandlungsnebenwirkungen
  • Chronische Schmerzen

Gerontopsychiatrische Erkrankungen

Die Bettlägerigkeit kann nicht nur aufgrund körperlicher Faktoren auftreten, sondern auch als Folge von im höheren Lebensalter auftretenden psychischen Erkrankungen wie Demenz und Altersdepression.
Verändernde Lebensbedingungen und belastende Emotionen wie Angst spielen hierbei eine bedeutende Rolle. Z. B. entsteht nach einem Sturz oft die Furcht, erneut zu fallen, was zu einem Teufelskreis aus Unsicherheit führen kann. Aussagen und Gedanken wie „Ich kann jetzt doch sowieso nichts mehr daran ändern!“ oder „Ich kann das eh nicht!“ spiegeln eine sogenannte „erlernte Hilflosigkeit“ wider. Diese mentale Haltung kann schließlich in eine dauerhafte Gleichgültigkeit übergehen, bei der Betroffene das Bett dann gar nicht mehr verlassen möchten. Es ist wichtig, solche psychologischen Aspekte bei der Betreuung von bettlägerigen Menschen zu berücksichtigen, um ganzheitliche Unterstützung zu bieten und die Wiedererlangung von Selbstvertrauen zu fördern.

Aktivierung bettlägeriger Personen

Kontinuierliche Aktivierung ist wesentlich für die Gesundheit und das Wohlbefinden bettlägeriger Menschen. Dies kann auf unterschiedlichste Weise erfolgen.
Durch Bewegung werden Muskeln gestärkt, die Durchblutung verbessert, das Immunsystem gestärkt und das Risiko für verschiedene gesundheitliche Probleme wie Druckgeschwüre, Muskelatrophie und Thrombosen verringert.
Neben klassischen Bewegungsübungen gibt es viele weitere Aktivierungsmaßnahmen, durch die Selbstständigkeit gefördert und die Lebensqualität verbessert werden können und sich Bettlägerige weniger isoliert und hilflos fühlen. Viele sind, je nach Fähigkeiten der Betroffenen und Umgebung, leicht umsetzbar.

Milieugestaltung bei Immobilität

Der Lebensraum hat insbesondere für bettlägerige Menschen eine herausragende Bedeutung. Da sie den Großteil ihres Tages im Bett verbringen, wird der Raum um sie herum zu ihrem Lebensmittelpunkt. Milieugestaltung spielt hier eine entscheidende Rolle. Ein gut gestalteter Lebensraum kann nicht nur den physischen Komfort fördern, sondern auch die geistige und emotionale Gesundheit unterstützen.
Die Umgebung sollte beruhigend, ansprechend und dennoch funktional sein. Farben, Licht, Textilien und persönliche Gegenstände können dazu beitragen, eine positive Atmosphäre zu schaffen. Dabei sollten stets die Wünsche der Bewohner bei der Gestaltung ihres Umfeldes einbezogen werden.

  • Bett an die Wand: Für die Pflege und Betreuung ist es zwar einfacher, wenn das Bett von beiden Seiten aus zugänglich ist. Dennoch empfinden viele Menschen Unwohlsein bei einem freistehenden Bett. Sie fühlen sich sicherer, wenn das Bett an einer Wand oder in einer Ecke steht.
  • Pflegeutensilien aus dem Sichtfeld: Auch wenn man es mit Pflegebedürftigen zu tun hat, sollte das Zimmer nicht wie ein unpersönliches, funktionales Krankenzimmer wirken. Pflegeutensilien wie Inkontinenzmaterial, sollten nicht im Blickfeld des Betroffenen liegen. Man kann sie stattdessen diskret in einem Schrank verstauen, um die wohnliche Atmosphäre im Raum zu bewahren.
  • Sinneshimmel: Die Zimmerdecke bietet sich für die Aktivierung von Bettlägerigen ebenfalls an. Hier können Bilder und persönliche Fotos oder bunte Gegenstände an einem Mobile, das sich langsam dreht, befestigt werden. Das lässt sich jederzeit variieren und anpassen, z. B. nach Jahreszeit. So kann Vertrautheit geschaffen und die Stimmung beeinflusst werden.

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Für bettlägerige Bewohner:innen Reize schaffen mit selbstgebastelter Dekoration – Ein Bestens umsorgt Moment für Ergotherapeutin Claudia Eichstetter

Thumbnail Bestens umsorgt Sinneshimmel

Aktivieren mit allen Sinnen

Um bettlägerige Menschen ganzheitlich zu aktivieren, ist es wichtig, die Sinne Sehen, Hören, Tasten, Schmeckern und Riechen anzusprechen. Bilder, Musik, Hörbücher, duftende Öle, beruhigende Berührungen und schmackhafte Speisen können die Sinne stimulieren und dadurch Abwechslung und Freude in den Alltag bringen. Je nach Umgebung (Zuhause oder in einer stationären Einrichtung), Wünschen sowie körperlichen und geistigen Fähigkeiten der bettlägerigen Person, können folgende Maßnahmen umgesetzt werden:

  • Das Bett am Fenster platzieren, um dem Bettlägerigen den Blick auf die Natur oder das Geschehen im Freien zu ermöglichen.
  • Für abwechslungsreiche Beleuchtung sorgen, z. B. durch Leuchtmittel mit variierenden Farben: Kaltes Licht aktiviert, während warmes Licht am Abend beruhigend wirkt.
  • Wände mit Bildern dekorieren, die regelmäßig nach den Vorlieben und Interessen der bettlägerigen Person ausgetauscht werden können.
  • Düfte einsetzen, auch ätherische und Pflegeöle, um eine angenehme Atmosphäre zu schaffen. Je nach gewähltem Duft, können unterschiedliche Wirkungen erzielt werden, sei es entspannend, aktivierend oder motivierend. Mit bestimmten bekannten Düften können auch positive Erinnerungen hervorgerufen werden.
  • Beruhigende Musik oder Lieblingsmusik spielen, um eine angenehme Klangkulisse zu schaffen.
  • Lieblingsmahlzeiten oder saisonale Gerichte zubereiten, soweit möglich. Frische Erdbeeren im Sommer, Zimtsterne im Winter: Auch mit Geschmäckern lässt sich Stimmung beeinflussen.

Neben der Stimulation der körperlichen Sinne spielen Kommunikation, geistige Anregungen und soziale Interaktion eine ebenso wichtige Rolle. Der Austausch mit Angehörigen, Pflegepersonal und Bekannten trägt dazu bei, Gefühle der Isolation zu mindern. Dies funktioniert beispielsweise durch:

  • Gespräche über aktuelle Ereignisse
  • das Vorlesen von Geschichten oder aus der Zeitung
  • das Einbinden in Gesellschaftsspiele.

Dabei ist es wichtig auf das Wohlbefinden des bettlägerigen Menschen zu achten. Da dieser nicht immer in der Lage ist, sich in gewohnter Weise auszudrücken, sollte immer auf subtile Zeichen geachtet werden, z. B. Gesichtsausdrücke, Körperhaltung und Veränderungen in der Reaktion auf Stimuli.

Aktivierung durch Mitsprache

Auch wenn Ihr Angehöriger auf Sie angewiesen ist, ist es wichtig, dass er sich weiterhin als individuelle Person mit eigenen Wünschen wahrgenommen fühlt. Selbstbestimmtheit und der Erhalt der eigenen Würde – auch in kleinem Maße – motiviert. Das kann z. B. die Mitsprache bei der Auswahl der Kleidung oder dem Styling sein (auch im Bett darf man schick aussehen).

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Fazit

Die Aktivierung bettlägeriger Menschen spielt eine entscheidende Rolle bei der Erhaltung ihrer Lebensqualität. Insgesamt geht es darum, trotz dieser Einschränkung dennoch eine möglichst hohe Lebensqualität aufrechtzuerhalten.
Dabei sollte die Umgebung anregend und komfortabel sein, die Sinne vielfältig aktiviert, soziale Interaktionen gefördert und das Wohlbefinden beobachtet werden.
Das Einbinden der bettlägerigen Person in Entscheidungen und die Beachtung persönlicher Wünsche sind Schlüsselaspekte bei der Aktivierung. Die Berücksichtigung persönlicher Vorlieben, sei es in der Kleidung, der Mahlzeiten oder der Raumgestaltung, kann das Gefühl der Selbstbestimmung stärken.
Indem Sie auf ihre Bedürfnisse eingehen und sie als individuelle Personen wahrnehmen, können Sie dazu beitragen, ihre Lebensqualität zu fördern und ihnen ein Gefühl von Würde und Geborgenheit zu vermitteln.

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Zuletzt Aktualisiert am: 17.04.2024

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