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Rund um die Uhr versorgt – Behindertenassistenzdienst PflegeExperten Kutlu expandiert


Der Wecker klingelt – sieben Uhr – Zeit zum Aufstehen. Gabriel Bej schlägt die Decke zurück, steht auf und geht ins Zimmer nebenan. „Flo, aufwachen. Es wird langsam Zeit. Ich mache mich schnell fertig, dann komme ich, um Dir zu helfen“.

Florian Linder liegt bewegungslos in seinem Bett. Er leidet seit seiner Geburt an Muskelatrophie. Seine Muskeln verkümmern, ziehen sich zusammen. Er ist deshalb rund um die Uhr auf Hilfe angewiesen. Sein Geist ist jedoch hellwach.

Er begrüßt Gabriel mit einem fröhlichen „Guten Morgen, alles klar. Bis gleich“. Der 37-jährige Gabriel ist einer von 8 Betreuern, die sich, tagein tagaus, im 24-Stunden Rhythmus, um Florian kümmern und seine Hände und Beine ersetzen.

Nachdem Gabriel Flo gewaschen, ihm die Zähne geputzt und angezogen hat, frühstücken sie gemeinsam. Danach setzt der gebürtige Rumäne den 30-jährigen Florian in seinen Spezial-Rollstuhl und packt ihn warm ein. Gemeinsam verlassen sie die helle 100-qm-Wohnung im Herzen von Schwabing und machen sich auf den Weg in das Büro der PflegeExperten Kutlu in der Nähe des Bahnhofes. Florian ist dort nicht nur Kunde, sondern arbeitet nach dem Abschluss seines BWL-Masters bei den PflegeExperten auch im Personalmanagement. Er organisiert Dienstpläne und macht die Abrechnungen der Mitarbeiter. Dabei erledigt der junge Mann seine Arbeiten im Kopf, Gabriel bringt sie dann für ihn zu Papier.

Der Behindertenassistenzdienst PflegeExperten Kutlu wurde im April 2013 gegründet und versorgt derzeit mit 119 Mitarbeitern 23 Kunden im Raum München–Landsberg–Augsburg. Das Modell der Behindertenassistenz schließt auch die Pflege von behinderten Menschen ein, die in der Region Urlaub machen. Dies kann bei der Pflegekasse als Verhinderungspflege geltend gemacht werden.

Die Nachfrage nach dem Behindertenassistenzdienst ist groß, da es nur wenige solcher Anbieter auf dem Markt gibt. Aus diesem Grund eröffnen die PflegeExperten Kutlu, die seit Juli 2018 zu Korian, Europas größtem Anbieter für Pflegeleistungen gehören, Anfang 2019 ein weiteres Büro in Augsburg. Im Laufe des Jahres werden noch weitere Standorte im süddeutschen Raum folgen.

„Üblicherweise fungieren die behinderten Menschen oder deren Eltern als Arbeitgeber. Das bedeutet aber auch, dass man sich selbst nicht nur um die Einstellung und Organisation der Betreuer kümmern muss, sondern auch um die oftmals nicht ganz so einfache Abrechnung mit den Kassen“, erklärt Richard Huber, Leiter Behindertenassistenz bei Korian, den Assistenzdienst. Das sei nicht jedermanns Sache. Es komme zu Fehlern in der Rechnungsstellung und zu Regressforderungen der Kassen. „Wir bei den PflegeExperten übernehmen Antragsstellungen, Abrechnungen und auf Wunsch auch die Dienstplangestaltung“, so Huber.

Ein Erfolgsmodell. Auch der 30-jährige Florian hat sich, nachdem er viele Jahre selbst als Arbeitgeber fungiert hat, für die PflegeExperten entschieden. Er ist von dem Modell überzeugt, da bei der Einstellung des Teams der Kunde das letzte Wort habe. „Wir stellen dem Kunden die potentiellen Bewerber vor. Nur wenn die Chemie stimmt, wird er eingestellt“, so Huber. Der Kunde könne auch selbst Assistenten aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis vorschlagen. „Die Verbindung zwischen Kunden und Assistenten ist sehr intensiv, da muss man sich verstehen, sonst klappt das nicht.“

Bei Flo und Gabriel funktioniert es gut. Die beiden haben in den letzten vier Jahren viel miteinander erlebt. Gemeinsam fahren sie in den Urlaub, gehen auf Festivals oder in die Kneipe. Dabei entscheidet stets Florian, mit welchem seiner Assistenten er welche Unternehmung machen möchte. „Ich kann nicht mit allen gleich gut feiern“, lacht er verschmitzt. Und Gabriel fügt hinzu: „Flo ist wie ein Bruder für mich. Wir haben jede Menge Spaß miteinander“.

Auch der temperamentvolle gelernte Goldschmied profitiert von der Beziehung. Viele seiner Freunde waren überrascht, als sie hörten, welchen Beruf er ausübe. „Durch die Arbeit bin ich viel ruhiger geworden. Das hilft mir auch im Umgang mit meinem Sohn.“ Ein eigener Haustarifvertrag ermögliche ihm lange Dienste, durch die er schnell sein Monatssoll erfülle. Die gewonnene Freizeit verbringe er mit seiner Familie. „Wenn ich arbeite, bleiben meine Probleme außen vor. Die Kunden haben genügend eigene.“

Nach Feierabend machen sich Flo und Gabriel auf den Weg nach Hause. Zuvor kaufen sie noch ein – Butter und Milch sind nicht mehr im Haus. In Schwabing dann noch ein Drink zum Feierabend, danach zurück in die Wohnung. Er zieht Flo die Jacke aus. Gemeinsam sehen sie noch etwas fern, bevor Gabriels Kollege kommt. Seine 24-Stunden-Schicht endet. Gabriel geht nach Hause. In drei Tagen sieht er Florian wieder.