Ein Sturz passiert in Sekunden – seine Folgen können Wochen, Monate oder das gesamte weitere Leben prägen. Die Sturzgefahr im Alter steigt durch nachlassende Muskelkraft, Gleichgewichtsstörungen, Seh- und Aufmerksamkeitsveränderungen sowie durch verschiedene Erkrankungen deutlich an. Ein Sturz kann nicht nur zu Knochenbrüchen führen, sondern auch Selbstständigkeit, Beweglichkeit und Lebensqualität dauerhaft einschränken.
Genau hier setzt die Sturzprophylaxe in der Pflege an. Sie umfasst alle Maßnahmen, mit denen man das Sturzrisiko systematisch erkennen, verringern und im Ernstfall die Folgen eines Sturzes abmildern kann. Dieser Artikel erklärt, welche Ursachen der Sturzgefahr im Alter zugrunde liegen, wie professionelle Sturzprophylaxe funktioniert und mit welchen konkreten Maßnahmen Angehörige und Pflegekräfte im Alltag vorbeugen können.
Sturzgefahr im Alter
Mit zunehmendem Alter steigt dieses Risiko spürbar an, weil körperliche, sensorische und gesundheitliche Veränderungen zusammenwirken. Sturzprophylaxe in der Pflege bezeichnet demgegenüber die systematische Erfassung individueller Risikofaktoren sowie die Planung und Umsetzung geeigneter Maßnahmen, um Stürze möglichst zu vermeiden und mögliche Sturzfolgen zu minimieren.
Wichtig für die Einordnung: Nicht jeder Sturz ist vermeidbar, und nicht jede Maßnahme zur Sturzprophylaxe darf die Bewegungsfreiheit einschränken. Ziel ist ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Sicherheit und größtmöglicher Selbstständigkeit.
„Ein Sturz liegt vor, wenn eine Person unfreiwillig auf dem Boden oder einer niedrigeren Fläche zum Liegen kommt – unabhängig davon, ob eine Verletzung eintritt.“ (DNQP 2022) [1]
Warum ist Sturzprophylaxe in der Pflege wichtig?
Stürze zählen zu den häufigsten und folgenreichsten Ereignissen im Pflegealltag. Der Anteil der Stürze steigt mit dem Alter drastisch an. Während bei den 65- bis 79-Jährigen knapp 19 % pro Jahr stürzen, liegt die Quote bei den über 80-Jährigen bei 33,5 % (jeder Dritte). Knapp 17 % dieser Altersgruppe stürzen sogar mehrfach im Jahr. [2] In stationären Pflegeeinrichtungen stürzt mehr als die Hälfte der Bewohnerinnen und Bewohner mindestens zweimal pro Jahr. [3] Rund 30 % bis 35 % aller Unfälle bei Erwachsenen im Alter ab 65 Jahren passieren im eigenen Haushalt.[4]
Diese Zahlen zeigen: Sturzprophylaxe ist keine Randaufgabe, sondern eine der zentralen Pflegehandlungen.
Pflege bei Oberschenkelhalsbruch – schnell wieder auf die Beine kommen
Ein Sturz kann außerdem eine Abwärtsspirale in Gang setzen: Aus Angst vor einem erneuten Sturz bewegen sich Betroffene weniger, wodurch Muskelkraft und Gleichgewicht weiter abnehmen – das Sturzrisiko steigt zusätzlich. Konsequente Sturzprophylaxe bei der Pflege kann dieser Entwicklung gezielt entgegenwirken.
Ziele der Sturzprophylaxe
Sturzprophylaxe verfolgt mehrere, eng miteinander verknüpfte Ziele:
- Sturzrisiko frühzeitig erkennen – durch strukturiertes Screening und Assessment bei Aufnahme sowie bei Veränderungen des Gesundheitszustands
- Stürze so weit wie möglich vermeiden – durch individuell angepasste Maßnahmen statt pauschaler Einschränkungen
- Sturzfolgen minimieren, falls ein Sturz doch eintritt – etwa durch Sturzmatten, Hüftprotektoren oder eine sturzsichere Umgebung
- Selbstständigkeit und Bewegungsfreiheit erhalten – ohne den Einsatz freiheitsentziehender Maßnahmen
- Vertrauen in die eigene Mobilität stärken, um der Angst vor erneuten Stürzen entgegenzuwirken
- Angehörige und Pflegeteam einbeziehen, damit Maßnahmen im Alltag konsequent umgesetzt werden
Ursachen und Maßnahmen
Stürze haben selten nur eine Ursache. Meist wirken mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen. Fachlich wird zwischen personenbezogenen (intrinsischen) und umgebungsbezogenen (extrinsischen) Risikofaktoren unterschieden.[5]
Die folgende Übersicht ordnet die wichtigsten Ursachenkategorien konkreten Maßnahmen der Sturzprophylaxe zu.
| Ursachenkategorie | Beispiele | Passende Präventionsmaßnahme |
| Körperliche & gesundheitliche Ursachen | Gleichgewichtsstörungen, Sehstörungen, Synkopen (Bewusstseinsverlust), verzögerter Balancereflex, altersbedingte oder krankheitsbedingte Veränderung des Gangbildes (z. B. Parkinson, MS, Alzheimer, Rheuma, Nervenschmerzen, Korsakow-Syndrom nach Alkoholmissbrauch) | Gesundheit im Blick behalten (Sehhilfen, Hausarzt-Vorsorge) + Beweglichkeit und Kraft trainieren (Sturzprophylaxe, Krankengymnastik) + Hilfsmittel gezielt einsetzen (Rollator, Gehstock, Rollstuhl, Antirutschsocken, Greifzange, Hüftprotektoren, Badewannenlifter, Duschstuhl, Rutschmatten, Hausnotrufsystem, Treppenlift) |
| Kognitive & psychische Ursachen | Verwirrtheitszustände, Angst, Unruhe, Depressionen, Unwissenheit über Sturzgefahren, ungewohnte Umgebung | Gesundheit im Blick behalten (ärztliche Abklärung) + Wohnumfeld sicher gestalten (vertraute, klar strukturierte Umgebung) |
| Medikamentöse Risikofaktoren | Unruhe/Benommenheit durch Antidepressiva, Beruhigungs- oder Schmerzmittel; Kreislaufprobleme durch Diuretika; Blutdruckschwankungen durch Antihypertensiva/Abführmittel | Gesundheit im Blick behalten (korrekte, regelmäßige Medikamenteneinnahme, ärztliche Kontrolle) |
| Umgebungsbezogene Risikofaktoren | Stolperfallen (lose Teppiche, Türschwellen, Kabel), im Weg stehende Gegenstände, Haustiere, Schnee/Glatteis | Wohnumfeld sicher gestalten (Hindernisse beseitigen, Licht, Nachtlicht) + Passende Kleidung und Schuhe |
Die frühzeitige und individuelle Erfassung dieser Faktoren ist laut Expertenstandard der erste und wichtigste Schritt jeder wirksamen Sturzprophylaxe in der Pflege – sie entscheidet darüber, ob passende Maßnahmen rechtzeitig eingeleitet werden können.
Wichtig: Diese Maßnahmen ersetzen keine fachliche Risikoeinschätzung. Bei bereits erfolgten Stürzen oder deutlicher Gangunsicherheit sollte immer ärztlicher oder pflegefachlicher Rat eingeholt werden.
Sturzgefahr bei Menschen mit Demenz
Menschen mit Demenz haben ein besonders hohes Sturzrisiko. Mit fortschreitender kognitiver Beeinträchtigung fällt es zunehmend schwerer, Gefahrenquellen einzuschätzen oder sich an vereinbarte Sicherheitsmaßnahmen zu erinnern. Hinzu kommen häufig Orientierungsprobleme, veränderte Wahrnehmung von Räumen sowie ein ausgeprägter Bewegungsdrang, etwa nächtliches Umherlaufen.
Besonderheiten in der Sturzprophylaxe bei Demenz
- Sicherheitsmaßnahmen müssen ohne Einschränkung der Bewegungsfreiheit gestaltet werden
- wiederkehrende, einfache Erklärungen sind wirksamer als einmalige vollumfängliche Aufklärung
- vertraute, gleichbleibende Umgebungen reduzieren Verunsicherung und Stürze
- Bewegungsdrang sollte durch sichere Wege statt durch Einschränkung kanalisiert werden
Praxisbeispiele
- In der Praxis hat sich bewährt, Laufwege ohne Hindernisse zu gestalten, damit ein ausgeprägter Bewegungsdrang nicht zu gefährlichen Umwegen führt.
- Kontrastreiche Markierungen an Stufen oder Türschwellen erleichtern die Orientierung.
- Sensormatten am Bett können das Pflegepersonal informieren, wenn eine sturzgefährdete Person nachts selbstständig aufsteht, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken.
Milieugestaltung bei Demenz
Herausforderungen und Grenzen der Sturzprophylaxe
So wichtig Sturzprophylaxe ist – ein hundertprozentiger Schutz vor Stürzen ist weder möglich noch wünschenswert. Wer sich bewegt, geht ein gewisses Restrisiko ein; völlige Bewegungslosigkeit wäre gesundheitlich schädlicher als das Sturzrisiko selbst.
Zu den zentralen Herausforderungen zählen daher:
- Zielkonflikt zwischen Sicherheit und Selbstbestimmung: Zu strenge Maßnahmen können die Autonomie und Lebensqualität einschränken.
- Verzicht auf freiheitsentziehende Maßnahmen: Bettgitter oder Fixierungen sind keine geeigneten Standardlösungen und dürfen nur in eng begrenzten Ausnahmefällen erwogen werden.
- Individuelle Wirksamkeit: Nicht jede Maßnahme wirkt bei jeder Person gleich gut; die wissenschaftliche Evidenz zu Einzelmaßnahmen ist teils uneinheitlich.
- Unterberichtung: Betroffene berichten Stürze oder Beinahestürze häufig nicht von sich aus, was die Risikoeinschätzung erschwert.
- Ressourcenfragen: Individuelle Betreuung und Trainingsangebote erfordern Zeit und Personal.
Realistisches Ziel ist daher nicht die vollständige Vermeidung jedes Sturzes, sondern die deutliche Reduktion von Häufigkeit und Schwere der Sturzfolgen bei größtmöglichem Erhalt der Selbstständigkeit.
Sturzprophylaxe im Pflegealltag bei Korian
In der stationären und ambulanten Pflege wird Sturzprophylaxe als fester Bestandteil eines person-zentrierten Pflegeansatzes verstanden. Statt pauschaler Sicherheitsvorgaben steht die individuelle Situation jedes Menschen im Mittelpunkt: seine Beweglichkeit, seine Gewohnheiten, seine persönlichen Risikofaktoren und seine Wünsche nach Selbstständigkeit.
Diese individuelle Betreuung bedeutet konkret, dass Pflegefachpersonen das Sturzrisiko regelmäßig neu einschätzen, Maßnahmen gemeinsam mit Bewohnerinnen, Bewohnern und Angehörigen abstimmen und dabei stets die Lebensqualität im Blick behalten. Ein zentraler Gedanke ist hier der sogenannte Positive-Care-Ansatz: Er richtet den Fokus nicht allein auf Risikominimierung, sondern auch auf vorhandene Ressourcen, Freude an Bewegung und den Erhalt von Selbstbestimmung im Alltag.
So wird Sturzprophylaxe nicht als Einschränkung erlebt, sondern als Unterstützung, die Sicherheit und Lebensqualität miteinander verbindet.
Weiterführende Informationsquellen:
Robert Koch-Institut (RKI): Gesundheitsberichterstattung – Stürze ab 65 Jahre – https://www.gbe.rki.de
Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Informationen zu Pflege und Prävention im Alter – https://www.bundesgesundheitsministerium.de
IN FORM – Nationale Initiative zur Förderung gesunder Ernährung und Bewegung (Bundesministerien für Ernährung und Gesundheit): Sturzprävention für Seniorinnen und Senioren – https://www.in-form.de
Bundesinitiative Sturzprävention (BIS): Zusammenschluss von Krankenkassen, Sportverbänden und Wissenschaftlern zur Sturzprävention – https://www.bundesinitiative-sturzpraevention.de
Fazit
Die Sturzgefahr im Alter entsteht meist durch ein Zusammenspiel körperlicher, gesundheitlicher und umgebungsbedingter Faktoren. Eine wirksame Sturzprophylaxe in der Pflege setzt genau hier an: Sie erkennt individuelle Risiken frühzeitig, kombiniert Bewegungsförderung, geeignete Hilfsmittel und eine sichere Umgebung – und verzichtet bewusst auf pauschale Einschränkungen der Bewegungsfreiheit. Angehörige und Pflegefachpersonen tragen gemeinsam dazu bei, Stürze zu vermeiden und im Ernstfall deren Folgen zu begrenzen, ohne die Selbstständigkeit und Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen aus den Augen zu verlieren. Wer die eigenen vier Wände oder die Pflegeumgebung frühzeitig überprüft und professionelle Unterstützung nutzt, schafft die Grundlage für ein sichereres und selbstbestimmteres Leben im Alter.
Häufige Fragen zu Sturzgefahr im Alter und Sturzprophylaxe
Sturzgefahr im Alter ist das mit dem Älterwerden steigende Risiko, unbeabsichtigt zu stürzen. Es entsteht durch nachlassende Muskelkraft, Gleichgewichtsstörungen, Seh- und Aufmerksamkeitsveränderungen, Erkrankungen, Medikamente sowie Gefahrenquellen im Wohnumfeld – häufig wirken mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen.
Sturzprophylaxe ist wichtig, weil Stürze im Alter häufig zu Frakturen, Bewegungseinschränkungen und dauerhaftem Pflegebedarf führen. Mehr als die Hälfte der Pflegeheimbewohner stürzt mindestens einmal jährlich. Systematische Vorbeugung senkt sowohl die Häufigkeit von Stürzen als auch die Schwere ihrer Folgen deutlich.
Sturzprophylaxe in der Pflege folgt einem zweistufigen Verfahren aus Screening und vertieftem Assessment nach dem DNQP-Expertenstandard. Darauf aufbauend werden individuelle Maßnahmen wie Bewegungstraining, Hilfsmittelanpassung, Umgebungsgestaltung und Medikamentenüberprüfung geplant und regelmäßig überprüft.
Zu den wichtigsten Methoden zählen Kraft- und Balancetraining, korrekt eingestellte Gehhilfen, die Beseitigung von Stolperfallen, ausreichende Beleuchtung, Haltegriffe, rutschfestes Schuhwerk, regelmäßige Medikamentenüberprüfung sowie Aufklärung und Schulung von Betroffenen und Angehörigen.
Bei Demenz berücksichtigt Sturzprophylaxe eingeschränkte Orientierung und erhöhten Bewegungsdrang. Hindernisfreie, vertraute Laufwege, kontrastreiche Markierungen an Stufen und unauffällige technische Hilfen wie Sensormatten erhöhen die Sicherheit, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken.
Quellen
[1] Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2022): Expertenstandard Sturzprophylaxe in der Pflege. 2. Aktualisierung 2022. Auszug aus der Veröffentlichung zum Expertenstandard. Online unter: https://www.dnqp.de/fileadmin/HSOS/Homepages/DNQP/Dateien/Expertenstandards/Sturzprophylaxe/Sturz_2Akt_Auszug.pdf [Abgerufen am: 12.03.2026] in Anlehnung an: World Health Organization (WHO). Global Report on Falls in Older Age. 2007, http://www.who.int/ ageing/projects/falls_prevention_older_age/en/, Zugriff: 29.05.2012
[2] Robert-Koch-Institut (2024): Stürze (ab 65 Jahre), online unter: https://www.gbe.rki.de/DE/Themen/Gesundheitszustand/UnfaelleUndVerletzungen/Unfaelle/Stuerze/stuerze_node.html (abgerufen am 20.08.2026)
[3] Cochrane Deutschland (2025): Stürze in Pflegeheimen: Wie lassen sie sich verhindern? online unter: https://www.cochrane.de/news/stuerze-pflegeheimen-wie-lassen-sie-sich-verhindern (abgerufen am 20.08.2026)
[4] Robert Koch-Institut (2026): Das Unfallgeschehen bei Erwachsenen in Deutschland – Ergebnisse aus dem Unfallmodul des Panels „Gesundheit in Deutschland“ 2024. Journal of Health Monitoring, Stand: 20.05.2026. Online verfügbar unter: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Journal-of-Health-Monitoring/GBEDownloadsJ/Focus/JHealthMonit_2026_11_06_Unfallgeschehen.html (abgerufen am 20.08.2026)
[5] Dachverband Osteologie e. V. (DVO). (2025). Körperliches Training zur Frakturprophylaxe: S3-Leitlinie (Version 1.1). AWMF. Online verfügbar unter: https://register.awmf.org/assets/guidelines/183-002l_S3_Training_Frakturprophylaxe_2025-02_1.pdf (abgerufen am 24.08.2026)