Demenz und Kommunikation: mehr als nur Worte

05.08.2025

7 Minuten Lesedauer

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Kommunikation ist ein GrundbedĂŒrfnis jedes Menschen. Sie ermöglicht uns, Gedanken, GefĂŒhle und BedĂŒrfnisse auszudrĂŒcken und mit anderen in Verbindung zu treten. Kommunikation umfasst nicht nur das gesprochene Wort, sondern auch Mimik, Gestik, Körperhaltung, Tonfall und BerĂŒhrungen. Gerade bei Menschen mit Demenz verĂ€ndern sich die kommunikativen FĂ€higkeiten im Verlauf der Erkrankung grundlegend.

Herausforderung der Kommunikation bei Demenz

Demenz ist ein Sammelbegriff fĂŒr verschiedene Erkrankungen, die mit einem fortschreitenden Abbau geistiger FĂ€higkeiten einhergehen. Eine der hĂ€ufigsten Formen ist die Alzheimer-Krankheit. Im Verlauf der Erkrankung verĂ€ndern sich die KommunikationsfĂ€higkeiten der Menschen mit Demenz erheblich. Mit fortschreitender Demenz fĂ€llt es vielen zunehmend schwer, Gedanken in Worte zu fassen, GesprĂ€chen zu folgen oder Gesagtes zu verstehen. GrĂŒnde dafĂŒr sind:

  • Nachlassende GedĂ€chtnisleistung: Namen, Begriffe oder ZusammenhĂ€nge werden vergessen. Dieselbe Frage wird mehrfach gestellt.
  • Sprachstörungen: Wörter werden verwechselt, SĂ€tze bleiben unvollstĂ€ndig.
  • VerĂ€ndertes SprachverstĂ€ndnis: Ironie, abstrakte Begriffe oder komplizierte SĂ€tze fĂŒhren zu MissverstĂ€ndnissen.
  • Abnehmende Konzentration: LĂ€ngere GesprĂ€che oder mehrere bzw. komplexe Fragen ĂŒberfordern.
  • BeeintrĂ€chtigte zeitliche Orientierung: Verwechslung von Vergangenheit und Gegenwart.

Kommunikation im Verlauf der Erkrankung

Im Verlauf der Erkrankung nimmt die FĂ€higkeit zur verbalen Kommunikation ab, wĂ€hrend nonverbale Signale – wie ein LĂ€cheln, BerĂŒhrungen oder der Tonfall – immer wichtiger werden.

  • FrĂŒhstadium: Anfangs sind es oft Wortfindungsstörungen oder Wiederholungen sowie beginnende Schwierigkeiten, GesprĂ€chen zu folgen.
  • Mittleres Stadium: Es kommt zu zunehmenden Problemen beim Verstehen und AusdrĂŒcken von Sprache. Im mittleren Stadium werden GesprĂ€che kĂŒrzer, MissverstĂ€ndnisse hĂ€ufen sich.
  • SpĂ€tstadium: In fortgeschrittenen Phasen kommt es hĂ€ufig zum Verlust der sprachlichen FĂ€higkeiten. Daher wird nonverbale Kommunikation zentral: Gestik, Mimik. Blickkontakt.

Diese vielfĂ€ltigen und fortlaufenden VerĂ€nderungen können zu MissverstĂ€ndnissen und Frustration auf beiden Seiten fĂŒhren. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Menschen mit Demenz nicht absichtlich „schwierig“ sind, sondern dass ihre FĂ€higkeit zur Kommunikation durch die Krankheit beeintrĂ€chtigt ist. Dies erfordert im Kontakt mit Menschen mit Demenz Geduld, Empathie und angepasste Kommunikationsstrategien.

Grundlagen fĂŒr eine gelingende Kommunikation

Gute Kommunikation mit Menschen mit Demenz ist möglich, wenn wir uns auf ihre Welt einlassen, Geduld zeigen und unsere Sprache anpassen. Es geht nicht darum, alles „richtig“ zu machen, sondern um echtes Interesse, WertschĂ€tzung und das gemeinsame Erleben von Momenten. Oft sind es die kleinen Gesten, die am meisten verbinden.

Um die Kommunikation mit Menschen mit Demenz zu erleichtern, sollte auf folgendes geachtet werden:

  • Geduld und WertschĂ€tzung sind entscheidend: Menschen mit Demenz spĂŒren, wie mit ihnen gesprochen wird – auch wenn sie nicht jedes Wort verstehen.
  • Die eigene Haltung zĂ€hlt: Ein ruhiger, freundlicher Ton und echtes Interesse vermitteln Sicherheit und Geborgenheit.
  • Die Kommunikation sollte sich am aktuellen Stand der FĂ€higkeiten orientieren – Überforderung vermeiden, aber auch nicht „wie mit einem Kind“ sprechen.

Praktische Tipps fĂŒr die Kommunikation:

  • Blickkontakt aufnehmen, auf Augenhöhe sprechen, den Namen nennen.
  • Kurze, klare SĂ€tze verwenden, langsam und deutlich sprechen.
  • Fragen so stellen, dass sie mit „Ja“ oder „Nein“ beantwortet werden können oder maximal zwei Alternativen bieten („Möchtest du Tee oder Kaffee?“).
  • W-Fragen („Wer, was, wo, wie, wann?“) sind besser als „Warum“-Fragen, da sie keine logischen ErklĂ€rungen verlangen.
  • Wichtige Informationen wiederholen, dabei immer dieselbe Formulierung nutzen.
  • Positive Formulierungen wĂ€hlen, Ironie und Fachbegriffe vermeiden.
  • Worte mit Gestik und Mimik unterstĂŒtzen.
  • BerĂŒhrungen können Sicherheit und NĂ€he vermitteln, sofern sie gewĂŒnscht sind.
  • Dem Menschen Zeit zum Antworten geben – Pausen aushalten und nicht gleich nachfragen.
  • Unterbrechungen oder Korrekturen vermeiden.
  • Über vertraute, biografische Themen aus der Vergangenheit sprechen.
  • Gemeinsame AktivitĂ€ten (z.B. Musik hören, Fotos anschauen) nutzen, um Erinnerungen und GefĂŒhle zu wecken.
  • VerstĂ€ndnis fĂŒr die GefĂŒhle und BedĂŒrfnisse der Person zeigen. Dabei genau auf die Körpersprache der Person achten, um ihre BedĂŒrfnisse besser zu verstehen.
  • GesprĂ€che in einer ruhigen, vertrauten Umgebung fĂŒhren.

Validation: Die Welt des GegenĂŒbers (an)erkennen

Die Validation ist eine Kommunikationsmethode, die von Naomi Feil entwickelt wurde. Sie basiert auf der Grundhaltung, die subjektive RealitĂ€t von Menschen mit Demenz anzuerkennen und wertzuschĂ€tzen, anstatt sie zu korrigieren. Menschen mit Demenz leben zunehmend in ihrer eigenen RealitĂ€t, die fĂŒr Außenstehende oft schwer nachvollziehbar ist. Die Methode der Validation hilft, Menschen mit Demenz in ihrer GefĂŒhls- und Erlebniswelt ernst zu nehmen und abzuholen. Dies kann dazu beitragen, Spannungen zu reduzieren und das Wohlbefinden der Menschen mit Demenz zu steigern.

Wichtige GrundsÀtze der Validation sind:

  • Akzeptanz: Ohne Bewertung auf die RealitĂ€t der Person eingehen. Nicht widersprechen oder korrigieren, sondern akzeptieren, was gesagt wird – auch wenn es aus der eigenen Sicht „nicht stimmt“.
  • Empathie: EinfĂŒhlendes VerstĂ€ndnis fĂŒr die GefĂŒhle der Person. Auf GefĂŒhle eingehen: Wenn jemand „nach Hause will“, steckt oft das BedĂŒrfnis nach Geborgenheit dahinter.
  • AuthentizitĂ€t: Ehrliche und echte Äußerungen. Nonverbale Kommunikation verstĂ€rken: Ein LĂ€cheln, eine sanfte BerĂŒhrung oder ein freundlicher Blick sagen oft mehr als viele Worte.

Beispiele fĂŒr Validation:

  1. „Wo ist denn meine Mama?“
    Eine Person mit Demenz fragt immer wieder nach ihrer Mutter, obwohl sie selbst schon sehr alt ist. Anstatt zu erklÀren, dass die Mutter lÀngst verstorben ist, wird ihre emotionale RealitÀt anerkannt:
  • „Ja, die Mama ist unersetzlich. Ich liebe meine Mama auch.“
  • „Was hast du denn gern mit deiner Mutter gemacht?“
  • So fĂŒhlt sich die Person mit Demenz verstanden und kann ĂŒber ihre GefĂŒhle sprechen.
  1. „Ich muss kochen. Die Kinder haben Hunger.“
    Eine Seniorin Ă€ußert nachts, sie mĂŒsse fĂŒr ihre Kinder kochen. Statt sie zu korrigieren („Deine Kinder sind doch lĂ€ngst erwachsen“), wird auf das BedĂŒrfnis eingegangen:
  • „Du kochst ja gerne, das weiß ich. Was ist dein Lieblingsrezept?“
  • Das GesprĂ€ch lenkt die Aufmerksamkeit auf positive Erinnerungen und beruhigt die Seniorin mit Demenz.
  1. Ausdruck von Traurigkeit oder Verlorenheit
    Eine Person mit Demenz sagt: „Ich habe mich selbst verloren.“ Statt mit Ironie zu reagieren, wird empathisch geantwortet:
  • „Ich habe dich nicht verloren.“
  • „Ich freue mich immer, wenn ich dich sehe.“
  • Das gibt Sicherheit und WertschĂ€tzung.

GrundsĂ€tzlich helfen bei der Validierung auch der Einbezug der Biografie, bekannter Vorlieben und verschiedener SinneseindrĂŒcke. Hat eine Person mit Demenz beispielsweise erzĂ€hlt, dass sie frĂŒher immer gesungen hat und hat nun Schwierigkeiten beim Einschlafen kann abends zusammen etwas gesungen werden. Dies kann beruhigend wirken und bei Einschlafen unterstĂŒtzen.

Fazit:

Die Kommunikation mit Menschen mit Demenz erfordert EinfĂŒhlungsvermögen, Geduld und AnpassungsfĂ€higkeit. Durch das Einstellen auf die verĂ€nderten BedĂŒrfnisse und das Nutzen von Methoden wie der Validation kann eine wertschĂ€tzende und unterstĂŒtzende Beziehung aufrechterhalten werden. Dies trĂ€gt nicht nur zum Wohlbefinden des Menschen mit Demenz bei, sondern erleichtert auch den Alltag der Angehörigen.

Quellen:

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Zuletzt Aktualisiert am: 08.08.2025

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