„Wir wollen das Beste aus verschiedenen Tarifwelten vereinen“

München, 09. August 2022

Interview mit Eva Lettenmeier, Geschäftsführerin Personal bei Korian Deutschland und Care Invest zur Tarifeinigung mit der Gewerkschaft ver.di und dem Korian-Vergütungsmodell Worx

Frau Lettenmeier, Korian hat sich mit Verdi verständigt und will sein Vergütungsmodell nun flächendeckend ausrollen.

Ist die Vereinbarung mit Verdi in zwei Einrichtungen in Rheinland-Pfalz sowie in Niedersachsen eine Reaktion auf die Tariftreueregelung, die ab September gelten soll?

Wir waren in der Tat schon in Tarifverhandlungen mit ver.di, bevor das Gesetz beschlossen wurde. Im vergangenen Jahr haben wir auf Basis des von uns selbst mit unseren Pflege-Praktikern entwickelten Vergütungsmodells „Korian Worx“ für eines unserer beiden Häuser in Lüneburg einen Tarifvertrag abgeschlossen. Dann kam ver.di bezüglich zweier weiterer Einrichtungen in Rheinland-Pfalz auf uns zu. Als die Durchschnittsentgelte dann Ende Februar veröffentlicht wurden, war allen klar, dass wir nun von komplett neuen Rahmenbedingungen ausgehen dürfen. Das heißt, das Gesetz war nicht der Anlass, aber die veröffentlichten Durchschnittsgehälter haben dann natürlich den Verhandlungsrahmen gesetzt.

Gelten dann für alle Mitarbeitenden die gleichen Regeln oder werden regionale Unterschiede (in der Bezahlung) berücksichtigt?

In allen anderen Häusern wollen wir angesichts der veröffentlichten Durchschnittsgehälter unser deutlich weiterentwickeltes „Worx 2.0“ anwenden, das regionale Unterschiede berücksichtigt, so wie das in den veröffentlichten Tabellen auch der Fall ist. Uns ist es gelungen mit ver.di in den beiden Rheinland-Pfälzer Häusern im Tarifvertrag bis auf wenige tarifspezifische Abweichungen die gleichen Tabellen, Vergütungsbestandteile und Zulagen zu vereinbaren, wie wir sie in unserem Vergütungsmodell Worx 2.0 auch darstellen. Wir haben einige Anliegen von Verdi dann auch aufgenommen und möchten sie bundesweit umsetzen – auch ohne Tarifvertrag. Wir lassen so allen Mitarbeiter:innen die bis dato nur lokal verhandelten Tarifregelungen zugutekommen. Derzeit verhandeln wir diese Gehälter mit den Pflegekassen.

Wie profitieren die Beschäftigten von der Regelung (Gehaltsentwicklung, Arbeitszeiten, Urlaub etc)?

Mit 30 Tagen Urlaub haben wir bereits im vergangenen Jahr korianweit eine Vereinheitlichung vorgenommen – ganz ohne Tariftreuegesetz. Wir nutzen jetzt die Chance, von 40 Stunden als Standard-Wochenarbeitszeit auf 39 Stunden– bzw. in Rheinland-Pfalz auf 38,5 – zu reduzieren. Das ist wegen der starken Gehaltssteigerungen eine einmalige Chance: auch bei einer Reduktion der Arbeitszeit werden so gut wie alle Mitarbeiter:innen deutlich mehr verdienen. Am stärksten fällt die Steigerung bei den Pflegehelfer:innen ohne jede Ausbildung aus, hier sprechen wir von bis zu 30% Steigerung für die langjährigen Mitarbeiter:innen. Bei den Pflegefachkräften wird es auch signifikant zu Buche schlagen, aber da waren bereits in den vergangenen Jahren erhebliche Steigerungen zu verzeichnen. Für uns ist das Tariftreuegesetz die Chance, dass die Refinanzierung, die unsere Bewohner:innen massiv belasten wird, in einem politisch gewollten Kontext erfolgt. Sonst wäre so ein großer Schritt nicht möglich und argumentierbar gewesen.

Wie profitiert Korian als Arbeitgeber davon?

Wir konnten unter diesen historisch einmaligen Rahmenbedingungen mit unseren Praktikern – so kommt ja unser COO Christian Gharieb selbst aus der Pflege und war lange Pflegedienst- und Einrichtungsleiter – ein transparentes, faires und verlässliches Vergütungsmodell entwickeln, das das Beste aus verschiedenen Tarifwelten vereint. Schlank, gut nachvollziehbar für alle und mit einer verlässlichen Perspektive für die Zukunft. In der Gesamtbetrachtung absolut vergleichbar mit einer konfessionellen AVR-Vergütung oder dem TVÖD.

Ist diese Einigung zwischen Korian als größtem privaten Pflegeanbieter und der Gewerkschaft Verdi der nächste Schritt zu einem Flächentarif?

Ich denke, wir wollen im Grunde das Gleiche: faire Bezahlung für einen Beruf, den wir alle attraktiver machen müssen, damit wir auch in Zukunft noch gute Pflege für die steigende Zahl an Senioren gewährleisten können. Allerdings setzen wir mitunter unterschiedliche Akzente und versuchen Prinzipien zu etablieren, die den Alltag in der Pflegeeinrichtung reflektieren.

Wie können steigende Lohnkosten refinanziert werden?

Wie das in der Logik von SGB XI nun mal ist, können wir das nur über entsprechend angepasste Pflegesätze refinanzieren. Leider werden dann am Ende nur die Bewohnerinnen und Bewohner zur Kasse gebeten.  Vielen war nicht klar, dass wir, verglichen mit Einrichtungen in kommunaler oder kirchlicher Trägerschaft, wirklich deutlich günstigere Sätze hatten. Es gibt zwar Entlastungsmechanismen, gekoppelt an die Wohndauer, die seit 1.1.2022 wirken, aber sie reichen meines Erachtens nicht. Und natürlich hatte keiner an die Inflation gedacht, die einen Pflegeheimträger genauso heimsucht, wie alle anderen Haushalte – das gibt ein in mehrfacher Hinsicht dramatisches Ausnahmejahr für die Pflegesätze.

Angemessene Bezahlung ist nur ein Argument im Wettbewerb um Arbeitskräfte. Was könnten darüber hinaus Stellschrauben sein, die die Arbeit in der Pflege wieder attraktiver machen?

Wir müssen an die Arbeitsorganisation ran, moderne Strukturen schaffen, mehr Autonomie unterstützt von besseren digitalen Tools. Führung und Teamgeist müssen gestärkt werden. Angemessene Bezahlung ist wichtig, aber Freude an der Arbeit, ein wertschätzendes Miteinander, Transparenz, moderne, dialogorientierte Führung und verlässliche Planung sind aus unserer Sicht entscheidend, wenn wir das Berufsbild Pflege fit für die Zukunft machen wollen. Hier haben wir als Korian zahlreiche Initiativen gestartet und implementiere diese mit hohem Aufwand. Vom Onboarding bis zum Exit-Interview geht es immer darum, dass Mitarbeier:innen gehört werden, das wir ihren Input wahr- und ernstnehmen.

Wir haben als Korian gerade eine administrative Herkulesaufgabe vor uns, aber danach müssen wir das Thema „New Work – New Care“ aufrufen. Damit Pflegekräfte stärker als Gestalter:innen wahrgenommen werden. Nur so werden wir die Herausforderung in einer alternden Gesellschaft meistern. 

Das Interview finden Sie unter: www.careinvest-online.net Nr.13/2022

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