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In Würde Abschied nehmen – Sterbebegleitung im Phönix Haus Parsberg


An der 66-jährigen Anna Pollinger fällt einem sofort ihre ruhige und positive Ausstrahlung auf. Die braunen Augen blicken liebevoll auf die Bewohner des Demenzwohnbereiches im Zentrum für Betreuung und Pflege in Parsberg.

Seit über 21 Jahren ist sie hier nun schon mit großer Leidenschaft als Pflegeassistentin tätig. In der kleinen Stadt im Oberpfälzer Landkreis Neumarkt ist sie gut bekannt und wird oftmals auf der Straße angesprochen. Anna, wie sie alle nennen, betreut nicht nur „ihre“ Bewohner im Demenzbereich, sondern begleitet die Bewohner des Zentrums für Betreuung und Pflege seit zwölf Jahren auch in der letzten Phase des Lebens.

Anna Pollinger zusammen mit der bayerischen Staatsministerin für Gesundheit und Pflege Melanie Huml (von links nach rechts)

Auch heute nach Feierabend geht sie, wie jeden Tag, zu den Bewohnern, die palliativ versorgt werden. Sie klopft und tritt ein. „Hallo, ich bin´s, die Anna – wie geht es Ihnen heute?“ fragt sie sanft. Der Herr im Bett ist unruhig. Nachdem er ihre fürsorgliche Stimme wahrgenommen hat, öffnet er die Augen. Anna setzt ihn auf, befeuchtet seinen trockenen Mund und lagert ihn behutsam. Danach setzt sie sich zu ihm ins Bett und streichelt seine Hand. Durch ihre leisen Worte wird er merklich ruhiger.

Sie lebe für die Palliativpflege. Diese sei sehr erfüllend aber auch anstrengend. Um dafür gerüstet zu sein, hat Anna viele Fortbildungen zum Thema Trauer- und Sterbebegleitung besucht. Die Kosten wurden zum Teil von ihrem Arbeitgeber Korian übernommen.

Korian hält für alle der deutschlandweit über 230 Einrichtungen einen Standard nach neuesten Erkenntnissen der Sterbebegleitung vor. Die Mitarbeiter werden im Rahmen von Fort- und Weiterbildungen auf diese spezielle Herausforderung in ihrer täglichen Arbeit vorbereitet. Zudem arbeiten alle eng mit den lokalen Hospiz- und Palliativvereinen zusammen.

Anna Pollinger ist eine der Pioniere auf dem Gebiet der Sterbebegleitung. Als sie mit ihrer Arbeit begonnen hat, war das Thema noch nicht so populär. „Die Menschen in meinem privaten oder beruflichen Umfeld mussten den letzten Weg oft alleine gehen, niemand war für sie da – das ging mir sehr nahe und ich wollte daran etwas ändern“, erklärt sie.

Damit Anna Pollinger auf den Palliativstationen der umliegenden Krankenhäuser ehrenamtlich arbeiten kann, wird sie einmal jährlich von der Einrichtungsleitung für eine Woche bei vollem Lohnausgleich freigestellt, „Wenn in dieser Zeit etwas mit meinen Bewohnern ist, komme ich natürlich zurück“, sagt sie. Zudem gewähre ihr der Arbeitgeber zwei Bürotage in der Woche sowie einen monatlichen Zuschlag für die Palliativpflege. „Diese Bürotage nutze ich vermehrt für den Kontakt zu den Angehörigen. Ich kann aber an so einem Tag auch mal zu Hause bleiben, um mich zu entspannen“, erklärt Pollinger.

Sogar einen speziellen Palliativ-Fragebogen habe sie entwickelt. In einfühlsamen Gesprächen mit Bewohnern und Angehörigen werden die Wünsche im Sterbefall erfragt und dokumentiert. Dies geschieht zumeist kurz nach dem Einzug, damit im Ernstfall die Angehörigen nicht noch mit Fragen konfrontiert werden. „Wenn es soweit ist, möchte ich ganz für den Bewohner und seine Angehörigen da sein“, erzählt sie. So ein Fall kann auch mal ganz plötzlich eintreten. Da passiere es schonmal, dass sie in der Sauna sitzt und auf einmal das Handy klingelt. „Dann ziehe ich mich an und fahre los“, erklärt sie.

„Inzwischen habe ich ein gewisses Gespür entwickelt“, sagt Anna sanft. „Ich merke, wenn es einem Bewohner nicht gut geht.“

Anna Pollinger ist in der Trauer- und Sterbebegleitung nicht nur für die Bewohner der Senioreneinrichtung tätig, sondern unterstützt auch im privaten Umfeld. Um wieder Kraft zu tanken, powere sie sich gerne aus. Tanzen, Sport oder Sauna – mit dem Schweiß fließe auch die Anspannung von ihr ab. Nur wer sich selbst Gutes tut, kann auch anderen Gutes tun – das habe sie schon früh gelernt.

Das hohe ehrenamtliche Engagement weiß auch Heidi Stecher, Einrichtungsleitung im Zentrum für Betreuung und Pflege in Parsberg, zu schätzen. „Unsere Anna ist in dieser Tätigkeit Tag und Nacht erreichbar. Sie ist sowohl an Sonn- und Feiertagen als auch im Urlaub für die Bewohner und deren Angehörige da“.

Aus diesem Grund wurde sie vor kurzem, auf Vorschlag der Einrichtung, von der bayerischen Staatsministerin für Gesundheit und Pflege Melanie Huml mit dem `Weißen Engel` ausgezeichnet.

Der Weiße Engel ist eine Auszeichnung des Freistaats Bayern im Gesundheits- und Pflegebereich. Sie wird Personen für langjähriges und regelmäßiges ehrenamtliches Engagement im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege, insbesondere für vorbildhafte häusliche Pflege, verliehen. Die Auszeichnung wurde 2011 eingeführt und wird seit 2014 jährlich an höchstens 70 Personen vergeben.

Man merkt Anna Pollinger die Zufriedenheit an, die sie durch ihre Aufgabe erfährt. Die Auszeichnung mit dem Weißen Engel ist für sie da noch das Tüpfelchen auf dem i. „Ich freue mich sehr darüber. Dadurch erfährt meine Arbeit auch offiziell Anerkennung und Wertschätzung“, strahlt sie.

Anna hat für ihre Arbeit in der Sterbebegleitung ein eigens dafür vorgesehenes Zimmer. Bunte Vorhänge am Fenster, ein Radio für Entspannungsmusik, ein kleiner Tisch neben dem Bett für Bücher und Duftlampe und eine Schlafcouch für Angehörige – mit viel Liebe zum Detail richtete Anna das Zimmer ein. Ich möchte, dass die Bewohner in einer schönen Umgebung ihren letzten Weg gehen. Und auch ich brauche eine angenehme Atmosphäre, um die nötige Kraft zu schöpfen“, sagt sie.

Anna Pollinger wird sich im Herbst in den offiziellen Ruhestand verabschieden, und das schweren Herzens. Sie hat in den zwölf Jahren ihrer Tätigkeit als Palliativpflegekraft bei Korian mehr als 280 Bewohner, Freunde und Bekannte auf ihrem letzten Weg begleitet und ist trotzdem durch und durch lebensbejahend – daran ändert auch die zusätzliche Belastung durch die Demenzerkrankung ihres Mannes nichts. „Ohne den Rückhalt, den ich in meiner Familie und im Freundeskreis erfahren habe, hätte ich das nicht machen können“.

Aber so ganz möchte sie dann doch nicht abschließen. „Ich werde die Trauer- und Sterbebegleitung auf alle Fälle weitermachen. Vielleicht sogar noch auf unsere Einrichtung in Obertraubling ausweiten“, sagt sie.

„Jeder Mensch ist etwas Besonderes und wird von mir auch so behandelt“, sagt sie. Für sie endet Wertschätzung nicht mit dem Tod. Aus diesem Grund werden auch alle von ihr verabschiedet. Jeden Verstorbenen wäscht, ölt, kleidet und bettet sie liebevoll. Zuletzt legt sie eine „Rose der Liebe“ auf das Bett. Nach der Aussegnung, die in der Einrichtung stattfindet, begleitet sie den Bewohner bis zur Eingangstür. Die mit dem Namen des Toten versehene Rose wird im Eingangsbereich des Hauses auf einen Stein gelegt, getrocknet und bei der nächsten Gedenkfeier im Beisein der Angehörigen verbrannt. Selbstverständlich geht sie auch auf jede Beerdigung und legt eine Rose mit dem Namen „Anna“ auf das Grab. Der letzte Gruß.

Autor: Tanja Müller