Aktuelles

Wie hat Corona die Pflege verändert?

30. Juli 2020

Wie hat Corona die Pflege verändert?

Ein Kommentar von Prof. (Univ. Lima) Dr. Peter Bauer, Mitglied des Landtags, Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung.

Als Gesundheits- und Sozialpolitiker setze ich mich seit Langem für grundlegende Verbesserungen im Bereich der Pflege ein und in meinem Amt als Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung liegt mir das Thema ohnehin ganz besonders am Herzen.

Den Beginn der Pandemie und die dann einsetzenden Ereignisse in unserem Land – aber auch in der ganzen Welt – habe ich mit größter Sorge und Aufmerksamkeit verfolgt. Inzwischen sind wir an einem Punkt angekommen, den erste Blick auf das Geschehen zurück zu wagen und gleichzeitig nach vorne zu schauen, um für die Zukunft zu lernen.

Dass Corona die Pflege verändert hat, ist wahrscheinlich sehr vielen Menschen bewusst. Wie Corona aber die Pflege verändert hat, das werden wir in Gänze erst noch aufarbeiten müssen.

p-43-2018-31-683x1024
Prof. (Univ. Lima) Dr. Peter Bauer MdL, Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung

Immer wieder hört man, dass Corona, die Schwächen aber auch die Stärken unseres Systems schonungslos offenlegt.Seine Schwächen, mit den hinlänglich bekannten Problemen, wie etwa Personalmangel, Unterfinanzierung oder bauliche Missstände in Einrichtungen. Genauso oft gehört die fehlende Bevorratung mit Schutzausrüstung, die problematische Umsetzung von Hygiene- und Besuchskonzepten, verbunden mit Isolation von Bewohnern und Ängsten beim Personal.

Pflegeheime und Einrichtungen für Menschen mit Behinderung, die eigentlich Ruhe und Geborgenheit vermitteln sollen, wurden auf einmal zu Brennpunkten oder Hot Spots unserer Gesellschaft. Nicht zu vergessen die pflegenden Angehörigen, die entweder mit enormen Problemen zu Hause oder mit riesigen Problemen bei der Pflegeplatzsuche konfrontiert sind.

Und die Stärken des Systems? Danach muss man erstmal suchen. Aber es gibt sie! Davon bin ich überzeugt. Nämlich, dass Pflege in unserer Gesellschaft eine enorme Bedeutung hat und, dass dies nun wirklich jeder sehen konnte: Bürger, Verwaltung, Staat und Politik. Und alle sprechen darüber. Das ist gut! Aber Applaus vom Balkon reicht nicht. Auch ein Bonus – einmal ausgezahlt und dann wieder vergessen – reicht nicht. Auch das haben wir alle gehört. Also, was nun?

Viele Ideen werden diskutiert. Für das meiste davon muss Geld in die Hand genommen werden. Aber ich denke, Pflege braucht noch mehr als finanzielle Unterstützung für bessere Löhne, bessere Personalausstattung, bessere Schutzvorkehrungen, bessere Konzepte für Menschen mit Demenz oder Menschen mit Behinderung, bessere Beratungsstrukturen oder bessere Hilfe für pflegende Angehörige.

Als Patienten- und Pflegebeauftragter der Bayerischen Staatsregierung sehe ich Aufholbedarf für nachfolgende Generationen, wenn es darum geht, sich auf Menschen einzulassen. Denn das macht für mich einen großen Teil der Pflege aus! Die Mischung aus Professionalität und Menschlichkeit. Also neben dem Anwenden von Fachwissen auch zuhören können und auf Bedürfnisse eingehen. Immer am Menschen und mit dem Menschen.

Daher spreche ich mich ganz klar für die Wiedereinführung des Freiwilligendienstes aus. Junge Leute haben manchmal erst hier ihre „soziale Seite“ kennengelernt. Anfangen sollten wir aber schon viel früher. Am besten bei den Kleinsten in den Kindergärten. Es gibt großartige Projekte, die Jung und Alt zusammenbringen. Das müssen wir ausbauen. Auch in den Schulen braucht es mehr Vermittlung von Sozialkompetenz und neben dem vielen technischen Wissen auch den Aufbau einer Wertehaltung für andere.

Artikel teilen