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„Jeder Patient hat den Wunsch, ganzheitlich versorgt zu werden“

07. September 2021

„Jeder Patient hat den Wunsch, ganzheitlich versorgt zu werden“

Liebevolle Pflege und ein Umfeld, das Selbstbestimmung und Aktivität ermöglicht, können trotz massiver gesundheitlicher Einschränkungen die Lebensqualität steigern. Das ist der Anspruch der Intensivpflege Lebenswert, die seit April zur Korian Gruppe gehört. Sie bietet ambulant betreute Wohngemeinschaften und Einzelversorgung in häuslicher Pflege für Menschen, die rund um die Uhr betreut werden müssen.

Wir haben mit dem Geschäftsführer-Ehepaar Rudolf und Martina Wiedmann gesprochen.

Wie kam es zum Namen Lebenswert?

Rudolf Wiedmann (RW): Stefan Herrmann war ein Patient mit Muskeldystrophie Duchenne, einer unheilbaren Krankheit, bei der sich die Muskeln abbauen. Ich lernte ihn 2001 als 26-jährigen jungen Mann kennen und habe mich immer wieder für ihn eingesetzt, beispielsweise bei Behörden und Kostenträgern. 2009 kam er als 34-Jähriger zu uns und hatte schon einige Erfahrungen mit Pflegediensten gesammelt. Er wurde rund um die Uhr beatmet und konnte damals nur noch seinen Daumen bewegen. Er ist unser Gründungspatient, wir haben angefangen mit ihm und sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Er hatte die Idee, ein eigenes Konzept für ein selbstbestimmtes Leben bei Schwerstbehinderung aufzustellen, und entwickelte mit uns gemeinsam Lebenswert und auch den Firmennamen. Bis zu seinem Tod mit 41 Jahren war er aktiv in das Firmengeschehen eingebunden.

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Die Lebenswert-Gründer Stefan Herrmann (✝) und Rudolf Wiedmann 2013.

Was bedeutet Intensivpflege?

RW: Wir müssen 24 Stunden abdecken, in drei Schichten. Unsere Patienten brauchen in der Regel eine Rundumbetreuung. Viele sind auf Beatmungsmaschinen angewiesen. Wir saugen Sekrete von der Lunge, wir legen und wechseln Trachealkanülen, wir wenden spezielle Pflegetechniken für die Intensivpflege an, dazu kommen die üblichen Pflegedienstleistungen. Und wir arbeiten mit der Lunge, damit sie sich stabilisiert. Da kann man schon einiges erreichen.

Welche Ausbildung braucht man dafür?

RW: Unsere Pflegekräfte müssen beispielsweise die Beatmungsgeräte beherrschen. Sie müssen wissen, wie man absaugt oder eine Kanüle wechselt. Neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden eingelernt und machen eine Reihe von Weiterbildungen in unserer eigenen Akademie, zu FAI, das heißt Fachkraft außerklinische Intensivpflege und / oder zum EXAI, Experten für außerklinische Intensivpflege.

Martina Wiedmann (MW): In unserem Beruf ist es besonders wichtig, nicht nur fachliche, sondern auch soziale Fähigkeiten mitzubringen. Und man sollte beides verknüpfen können. Man braucht ein großes Herz, Sozialkompetenz und vernetztes Denken.

Ihre Pflegekräfte arbeiten mit Menschen, die lebensbedrohende und meist unheilbare Krankheiten haben. Wie kommt man damit zurecht?

MW: Unser Fokus liegt darauf, unseren Patienten ihre Leben lebenswerter zu machen. Sie wissen, dass sie eine schwere Krankheit haben. Wenn wir es aber beispielsweise schaffen, sie tagsüber unabhängig von der Beatmungsmaschine zu machen, gewinnen sie mehr Lebensqualität. Wenn ein Patient zu uns kommt, ist die Psyche aller belastet: die des Patienten, der Angehörigen und auch unseres Pflegepersonals. Daher arbeiten wir mit Psychologen zusammen. Wir bieten auch Resilienz-Trainings an.

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Junge Pflegekräfte mobilisieren eine Patientin in der WG in Wört bei Dinkelsbühl, die von der Beatmungsmaschine entwöhnt werde konnte.

Was ist das Besondere an Ihrem Pflegekonzept?

RW: Grundsätzlich folgen wir dem Leitsatz: Die Organisation muss sich den Bedürfnissen der Patienten anpassen – und nicht umgekehrt!

MW: Jeder Patient hat den Wunsch, ganzheitlich versorgt zu werden, körperlich wie auch seelisch. Bei uns steht der Mensch im Vordergrund, nicht sein Krankheitsbild. Wir achten nicht nur auf Herz und Lunge, sondern gehen individuell auf die Bedürfnisse unserer Patienten ein sowie auf die ihrer Familien. Wir tun alles, um die Patienten zu fördern, und dafür, dass sie sich bei uns wohlfühlen.

RW: Wir arbeiten intensiv mit den Patienten. Es gibt bei uns keinen einzigen Patienten, der die ganze Zeit nur im Bett liegt!

An was erinnern Sie sich gerne, wenn sie auf die letzten Jahre zurückblicken?

RW: Da gibt es so Einiges. Besondere Highlights sind unsere gemeinsamen Ausflüge, etwa an den Bodensee oder wo immer unsere Patienten gerne hin möchten.

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Lebenswert macht auch Ausflüge mit Rundumversorgung möglich: Hier genießt eine Beatmungs-Patientin die Sonne am Bodensee.

Wie wurde Lebenswert ein Teil von Korian?

RW: Ganz einfach: Wir wollten uns weiterentwickeln und Häuser mit stationärer Intensivpflege aufbauen. Das ist ein großes Projekt und daher haben wir uns am Markt nach einem Partner umgeschaut. Korian ist für uns das perfekte Match: Wir haben das gleiche, hohe Werteverständnis.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Pflege?

MW: Ich wünsche mir, dass die Pflege in Deutschland endlich als eigene Profession wahrgenommen wird. Es geht nicht nur um mehr Geld, sondern auch um ein größeres Mitspracherecht auf Augenhöhe innerhalb der gesamten Gesundheitsbranche.

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